Vom treuen Pferd Lurdscha III


 

Ein Jahr lebten der Königssohn und Marina glücklich und zufrieden, ein Jahr lang trennten sie sich keinen Tag. Dann dankte der alte König ab, und sein Sohn musste ihm auf den Thron folgen. Es war aber Brauch, dass ein neuer König den Königen der Nachbarländer bald nach seiner Thronbesteigung einen Besuch abstattete. Und so musste Marina allein im Schloss zurückbleiben. Sie bat ihren Mann jedoch, statt seines Pferdes Lurdscha zu nehmen. Und der willigte ein. „Vergiss aber nicht, dass Lurdscha niemals angebunden darf“, sagte Marina, bevor sie sich von dem Mann, dem jungen König, verabschiedete.

„Ich werde an alles denken“, antwortete dieser.

Bald darauf die Königin einen Knaben. Die Nachricht von der Geburt des Kindes verbreitete sich schnell im ganzen Land und gelangte selbst über die Grenzen, denn die alte Königin hatte ihrem Sohn in einem Brief von der Geburt des Knaben berichtet. Der Brief wurde jedoch vertauscht. Der Bote, der ihn in seinem Wams stecken hatte, übernachtete in dem Gesindehaus, das zum Schloss des Königs und der Königin gehörte, die Marina in den Turm hatten sperren lassen, die dem schönen Mädchen nach dem Leben getrachtet hatten.

Kaum hatten sie vernommen, wo der Bote herkam und wo er hinwolle, beschlossen sie, Marina zu schaden. Sie beauftragten einen der Knechte, deren Lachen und Scherzen Marina im Turm oft gehört hatte, dem Boten den Brief aus dem Wams zu nehmen, und dafür einen anderen hineinzustecken. In diesem Brief stand, seine Frau habe weder einen Knaben noch ein Mädchen, sie habe ein Ungeheuer zur Welt gebracht. Als der junge König das las, erschrak er, und seine Stirn legte sich in tiefe Falten. Doch dann dachte er an seine schöne Frau, und schon verflogen die düsteren Gedanken wie Gewitterwolken vor der Sonne, und so schrieb er nur: Sorgt euch um die Königin! Der Bote steckte das Schreiben in sein Wams, sprang aufs Pferd und ritt zurück. Nach drei Tagen und drei Nächten hatte er die Hälfte seines Weges hinter sich. Weil er sich aber kaum noch in seinem Sattel halten konnte, stieg er vor seinem Pferd und ging ins Gesindehaus, das zum Schloss des bösen Königs und der bösen Königin gehörte.

Dort streckte er sich aus und schlief ein, dass er auch nicht aufgewacht wäre, wenn ihn einer an den Beinen genommen und fortgeschleift hätte. Kaum aber hatten der König und die Königin vernommen, dass der Bote wieder im Gesindehaus sei, beauftragten sie einer der Knechte, das, was sie geschrieben hatten, mit dem, was der Bote in seinem Wams trug, zu vertauschen. In diesem Brief hatten sie geschrieben: Heizt den Ofen, lasst ihn drei Tage brennen und werft am dritten Tag Mutter und Kind hinein. Der Bote ahnte nicht, welche schlimme Nachricht er die zweite Hälfte des Weges bei sich trug. Aber er sollte es bald erfahren, denn im Schloss hub ein Weinen und Wehklagen an, Aber weil niemand es anders gewohnt war, weil man schon immer eines Königs Befehlen gehorcht hatte, weil ein König mächtig war und selbst die eigene Mutter und den eigenen Vater in den Turm werfen konnte, ohne dass er selbst bestraft würde, taten alle, was in dem Brief, den die alte Königin erhalten hatte, geschrieben war.

Also heizten die Diener drei Tage den Ofen und als der dritte Tag zu Neige ging, als die Nacht angebrochen war, und Marina und der Knabe schliefen, schickten sie einen von ihnen, Mutter und Kind zu holen und in den Ofen zu werfen. Indessen stand Lurdscha auf einer großen Wiese, fest an einen Pfahl gebunden. Und Lurdscha witterte Rauch, der nichts Gutes verhieß. Er riss an dem Strick, den die Knechte des Königs, bei dem der junge Könige gerade zu Gast war, um eines seiner Beine gebunden hatten. Als aber der Strick nicht nachgeben wollte, sich nur noch fester spannte, schlug Lurdscha so heftig mit den Hufen aus, dass er sich das Bein aus dem Leibe riss. Noch ehe Marina begriff, was mit ihr und ihrem Kind geschehen sollte, sprengte das Pferd die Schlosstreppe hinauf, noch ehe die Diener die Augen weit aufgerissen hatten und ein Schrei des Erstaunens aus ihrem Mund gekommen war, trug das treue Pferd die junge Königin und den Knaben mit dem goldenen Haar auf seinem Rücken davon.

Sieben Tage vergingen, …(Fortsetzung folgt)

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