Vom treuen Pferd Lurdscha IV


 

Sieben Tage vergingen, sieben Tage, an denen im Schloss alle bange der Rückkehr des Königs harrten.
Und als dieser am achten Tag vom Pferd stieg, dass der König des Nachbarlandes ihm für den vermeintlichen Verlust von Lurdscha zum Geschenk gemacht hatte, gab es im Schloss ein großes Wehklagen. Der stolze König und die Königin, alle mussten begreifen, dass der junge König niemals einen solchen Befehl erteilt hatte. Und welche Erklärungen sie auch gaben, wie viel Sorgen sie auch für ihn trugen, der junge König sagte fortan kein einziges Wort, blieb stumm. Was sie auch herbei trugen, ihm Freude zu bereiten, der junge König sah es mit leeren Blicken an.

Und so trugen sie’s wieder hinaus und sagten:
„Der König ist krank.“ Da ließ der alte König alle Ärzte des Landes kommen, die berühmten und die weniger berühmten. „Denn“, sagte der König, „manchmal weiß einer, der weniger berühmt ist, mehr als der Berühmte.“
Aber werde die berühmten noch die weniger berühmten Ärzte vermochten den jungen König zu heilen. Da beschloss der alte König, sein Pferd zu satteln und in die Welt zu reisen, Marina und den Knaben mit dem goldenen Haar zu suchen. Und das tat er. Wohin hatte das treue Pferd Lurdscha sie gebracht?
Auf einen hohen, weißen Felsen, der inmitten grüner Wälder zum Himmel emporragte.
„Hierher gelangt keines Menschen Bosheit.
Hier Marina, kannst du mit deinem Sohn bleiben“, sagte er dabei und schlug solange mit den Hufen an den Fels, bis ein Messer aufblitzte. „Mit drei Beinen kann ich dich fortan nicht mehr schützen. Nimm dieses Messer und spalte mich, das ist ein Befehl!“
„Das werde ich niemals tun!“ rief Marina, und sie weinte, wollte lieber ihr Leben geben, als das seine zu nehmen. „Ich befehle dir zu tun, was getan werden muss“, sagte Lurdscha, „denn geschieht es nicht, wirst du und auch dein Kind in der Einöde sterben. Und nun merke: Wenn du getan hast, was getan werden muss, stelle meine Füße in drei Richtungen, meinen Kopf lege in die Mitte, auf ihn trete und rufe: „Im Namen meines treuen Pferdes Lurdscha stehe hier ein Haus.“ Da nahm Marina das Messer auf und hieb, und es wollte ihr schier das Herz brechen, das Pferd mittendurch. Dann stellte sie seine drei Füße in drei Richtungen, legte seinen Kopf in die Mitte, trat auf ihn und rief, was Lurdscha ihr zu rufen befohlen hatte. Und siehe da, kaum war ihr Ruf verhallt, da wuchs auf dem Berg ein großes Haus, das von drei Säulen getragen wurde. Und alsbald sprang eine Quelle aus dem Felsen und Vögel sangen und Blumen erblühten, und Damhirsch, Wolf und Reh kamen, der jungen Königin und ihrem Kind zu dienen. Der Knabe aber wuchs an einem einzigen Tag gleichviel wie andere Kinder in einem Monat.

Der alte König aber, der sein Pferd gesattelt hatte, Marina und den Knaben zu suchen, ritt durch Städte und Dörfer, überquerte Flüsse und Berge, und gute Leute wiesen ihm den Weg, der weiter und immer weiter führte, bis er vor einem hohen. weißen Felsen endete, aus dem das Quellwasser, funkelnden Kristallen gleich, sprang. Als er sein Pferd an der Quelle getränkt und sich selbst erfrischt, seine Stirn gekühlt hatte, erblickte der König einen Knaben mit goldenem Haar, der, von einem Damhirsch begleitet, einen Krug in den Händen, leichtfüßig von einer Felskante auf die andere sprang. Und als er bei hm war, streckte der alte König die Hände nach dem Knaben aus und sagte: „Sieh den Ring an meinem Finger. Er zeigt das Wappen eines Königs. Nimm den Ring und zeige ihn deiner Mutter. Sie wird das Wappen erkennen.“
Und der Knabe ließ den Krug stehen, nahm den Ring und kletterte behände den Fels hinauf. Als Marina den Ring sah, strich sie dem Knaben über das Haar und bat ihn, noch einmal hinunterzugehen und den alten König den Fels hinaufzubegleiten. „Ihr hattet Böses mit mir und meinem Sohn im Sinn“, sagte Marina, als der König vor ihr stand, „und es wäre besser gewesen, Ihr wäret umgekehrt, bevor mein Sohn begriff, wer Ihr seid. Nun aber wird er nicht ruhen, wird immer andere Fragen haben, wird wissen wollen, warum Euch Euer Weg hier hergeführt hat. Wie aber soll ich dies beantworten, wenn ich es selbst nicht weiß. Darum sagt mit Euer Anliegen.“
Der alte König brauchte lange, bis er die rechten Worte fand. Marina, die fröhliche junge Königin, hier erschien ihm ernst und erhaben. „Kehre zurück“, sagte der alte König, „denn Leere und Trauer erfüllen das Schloss seit du fort bist. Dein Mann, der König, sagt aus Gram über den Verlust seiner Frau und seines Kindes kein einziges Wort, bleibt stumm, und das Volk murrt schon, denn ein König muss etwas zu sagen haben. Und dieser, mein Sohn, gab niemals den schrecklichen Befehl, den auszuführen dein treues Pferd Lurdscha verhindert hat.“ Als der König geendet hatte, sagte Marina: „Ich will Euch glauben, und im Namen meines treuen Pferdes, das in meiner Erinnerung lebendig bleiben wird, rufe ich: „Verbinde dieses Haus mit dem Schloss, in dem ich soviel Freude und soviel Leid erfahren habe.“ Da begann der Fels zu beben, da öffnete sich eine Wand, da wurde ein Gang frei, der zum Schloss der jungen Königin führte.

Und weiter geht es wie im Märchen:

Da gab es ein frohes Wiedersehen
und ein Fest,
das erst nach sieben Tagen aus war.
Alle bekamen sie Wein,
aus meiner Kanne aber
floss literweise Wasser heraus.

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