Auch Pferde haben Lernstress


Menschen haben enorm davon profitiert, Tiere domestizieren zu können. Um ihre Aufgaben zu erfüllen, müssen die Tiere jedoch erst trainiert werden; die Auswirkungen für die betroffenen Tiere werden dabei nicht immer bedacht. Alice Schmidt aus der Gruppe von Christine Aurich an der Veterinärmedizinischen Universität Wien präsentiert nun eine Studie über Stress von Pferden, der durch das Anreiten verursacht wird.

Pferde wurden schon vor tausenden Jahren domestiziert und waren ungemein wichtig für die Entwicklung der menschlichen Zivilisation: Die Geschichte von Landwirtschaft, Mobilität, Kommunikation und zahlreichen Kriegen wäre ohne Pferde wohl ganz anders verlaufen. In der Gegenwart hat Pferdesport an Popularität immer mehr gewonnen; der Kontakt zum Menschen ist mindestens genauso stark wie früher.

Wilder Ursprung

Trotzdem hat das Pferd zumindest einige Aspekte seiner wilden Wurzeln behalten. So ist es vollkommen einsichtig, dass Pferde häufig Situationen ausgesetzt sind, die für ursprünglich wilde Tiere extrem stressbehaftet sind: Man denke beispielsweise an das Training von Rennpferden, die Teilnahme an Wettbewerben, die Untersuchungen durch Tierärzte oder den Transporte auf der Straße. Tatsächlich ist bekannt, dass all dies Stressreaktionen bei Pferden auslöst. Sogar geritten zu werden, könnte eine Stressquelle sein, aber dazu gab es bisher wenige Studien. Eine aktuelle Arbeit von Alice Schmidt aus der Gruppe von Christine Aurich an der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat zum ersten Mal den Stress untersucht, dem junge Pferde beim Anreiten ausgesetzt sind.

Schmidt untersuchte den Stress, indem sie die Herzschläge und die Mengen des Stresshormons Cortisol im Speichel analysierte. Bei der Beobachtung der Herzschläge bedachte sie nicht nur die Frequenz, sondern auch kurzfristige Schwankungen im Intervall zwischen den Schlägen; letzteres wurde erst kürzlich als guter Stressindikator nachgewiesen. Das Training von Sportpferden beginnt üblicherweise, wenn sie drei Jahre alt sind, daher untersuchte Schmidt für ihre Arbeit Pferde dieses Alter zum Beginn ihrer ersten Trainingseinheiten.

Ein scheinbarer Angriff

Was sie herausgefunden hat, ist wohl nicht überraschend: Der Trainingsbeginn ist eine stressige Zeit. Die Einstiegsarbeit an der Longe verursacht nur eine geringe Menge Stress, aber der Stresslevel steigt merklich, wenn der Reiter zum ersten Mal aufsteigt. Das Herz schlägt schneller, die Intervalle zwischen den Herzschlägen variieren, Cortisol wird ausgeschüttet. Es scheint wahrscheinlich, dass das Pferd das erste Aufsitzen des Reiters als eine möglicherweise tödliche Attacke eines Raubtiers interpretiert, der es nicht entkommen kann. Darüber hinaus ist der Reiter außerhalb des Blickfeldes des Pferdes, was wahrscheinlich das Problem verschlimmert.

Bewegung und Routine beruhigt

Sobald aber das Pferd mit dem Reiter geht oder trabt, sinkt das Stressniveau. Es sieht also so aus, als ob sich das Pferd ausgesprochen schnell darauf einstellt, geritten zu werden, und dass – wie auch beim Menschen – Bewegung zum Stressabbau beitragen kann. Darüber hinaus sinkt das Stressniveau mit der Anzahl der Trainingseinheiten – vorausgesetzt natürlich, dass das Training korrekt durchgeführt wird. Aurich mahnt daher zur Vorsicht: Mangelnde Sorgfalt oder falscher Umgang im frühen Training können einen langfristigen Schaden in der Beziehung zwischen Pferd und Reiter anrichten und Ängstlichkeit des Tieres verursachen; so kann ein Sportpferd nicht sein höchstes Potential entfalten.

Obwohl ihre Ergebnisse zum ersten Mal deutlich machen, dass das Einführungstraining Sportpferde stresst, hat Schmidt auch beruhigende Worte für Trainer und Jockeys: „Der Stress beim Anreiten ist weit entfernt von dem Stress bei Transporten. Wenn man mit dem Pferd bei Trainingsbeginn behutsam und vorsichtig umgeht, gewöhnt es sich bald an den Reiter.“

Zur Publikation

„Changes in cortisol release and heart rate and heart rate variability during the initial training of three-year-old sport horses“ von Alice Schmidt, Jörg Aurich, Erich Möstl, Jürgen Müller und Christine Aurich wurde in der September-Ausgabe von “Hormones and Behavior” veröffentlicht. Die Studie wurde an der Veterinärmedizinischen Universität Wien und am Graf-Lehndorff-Institut für Pferdewissenschaften, Neustadt (Dosse) durchgeführt.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht von Beate Zöchmeister, Public Relations

Veterinärmedizinische Universität Wien

21.09.2010 12:48

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