Nur aus Liebe


Das junge Paar hatte seinen üblichen eiligen Vorweihnachtsbesuch auf der

kleinen Farm abgestattet, auf der die alten Eltern mit ihrer kleinen Herde

Pferde lebten. Die Farm war Lone Pine Farm genannt worden, wegen der

riesigen Kiefer, die den Hügel hinter der Farm krönte, die über die Jahre so

etwas wie ein Talisman für den alten Mann und seine Frau geworden war und

ein Wahrzeichen der Gegend.

Die alten Leute stellten ihre Pferde nicht mehr

aus, die Jahre hatten ihren Tribut gefordert, aber jedes Jahr verkauften sie

ein paar Fohlen, und die Pferde waren ihnen Grund zur Freude am Morgen und

zur Zufriedenheit am Ende des Tages.

Barsch, denn sie waren im Aufbruch begriffen, trat das junge Paar an die

alten Leute heran. “Warum gebt ihr nicht wenigstens ‘Das Alte Mädchen’ weg.

Sie ist euch doch nicht mehr von Nutzen. Es ist Jahre her, dass sie euch

Fohlen gebracht hat. Ihr solltet euch von Überflüssigem trennen und sparen

wo ihr könnt. Warum also behaltet ihr sie?”

Der alte Mann senkte den Blick, während sein ausgetretener alter Stiefel

über den Stallboden scharrte und sein sich Arm schützend um den Hals des

“Alten Mädchens” legte und sie zu sich heranzog, um sie sanft hinter den

Ohren zu kraulen. Leise antwortete er, “Wir behalten sie aus Liebe. Nur aus

Liebe.”

Verblüfft und irritiert wünschten die jungen Leute dem alten Mann und seiner

Frau frohe Weihnachten und fuhren zurück in die Stadt, während die

Dunkelheit sich in das Tal stahl.

So kam es, dass wegen des Abschiednehmens niemand bemerkte, dass die

Isolierungen der altersschwachen Kabel in dem alten Stall zu schmoren

begann. Niemand sah den ersten Funken fallen. Niemand, außer dem “Alten

Mädchen”.

Innerhalb von Minuten brannte der gesamte Stall lichterloh, und die

hungrigen Flammen leckten am Heuboden, der voller Heu war. Mit einem

Aufschrei von Grauen und Verzweiflung rief der alte Mann seiner Frau zu, sie

solle Hilfe holen, und rannte zum Stall, um ihre geliebten Pferde zu retten.

Aber die Flammen brüllten schon, und die lodernde Hitze trieb ihn zurück.

Schluchzend sank er zu Boden, hilflos gegen des Feuers Wut.

Als die Feuerwehr eintraf, waren nur noch qualmende, glimmende Ruinen übrig,

und der alte Mann und seine Frau. Sie dankten denen, die ihnen zur Hilfe

geeilt waren, und der alte Mann wandte sich seiner Frau zu, bettete ihr

weißes Haupt an seine Schulter und trocknete ihre Tränen ungeschickt mit

einem ausgefransten roten Schnupftuch. Mit gebrochener Stimme flüsterte er,

“Wir haben viel verloren, aber Gott hat an diesem Weihnachtsabend unser Heim

verschont. Lass uns also auf den Hügel zu der alten Kiefer steigen, wo wir

schon so oft in Zeiten der Verzweiflung Trost gesucht haben. Wir werden auf

unser Haus hinunterschauen und Gott danken, dass es verschont wurde.”

Und so nahm er sie bei der Hand und half ihr den verschneiten Hügel hinauf,

mit dem Handrücken wischte er seine eigenen Tränen fort. Als sie über die

kleine Kuppe am Gipfel des Hügels kletterten, schauten sie auf, und vor

Verwunderung über die unglaubliche Schönheit vor ihnen verschlug es ihnen

den Atem. Es schien, als wäre jeder großartige, strahlende Stern des Himmels

in den funkelnden, schneeüberkrusteten Ästen ihrer geliebten Kiefer

gefangen, und sie war erleuchtet wie mit himmlischen Kerzen. Und ganz oben,

auf dem obersten Ast, glitzerte ein kristallener Halbmond wie gesponnenes

Glas. Niemals hatte ein bloßer Sterblicher einen Weihnachtsbaum wie diesen

geschmückt.

Plötzlich entrang sich dem alten Mann ein Aufschrei des Erstaunens und

unbeschreiblicher Freude, und er zog seine Frau nach vorne. Dort, unter der

Kiefer, war ihr Weihnachtsgeschenk. Nahe dem Stamm des Baumes, um das “Alte

Mädchen” herum gebettet, war die gesamte Herde, in Sicherheit. Bei der

ersten Ahnung von Rauch hatte sie die Stalltür mit der Nase aufgestoßen und

die Pferde hindurchgeführt. Langsam und mit großer Würde, ohne sich

umzuschauen, hatte sie sie mit zierlichen Schritten durch den Schnee den

Hügel hinaufgeleitet. Die Fohlen fürchteten sich und jagten umher. Die

nervösen Jährlinge schauten zurück auf die krachenden, hungrigen Flammen,

sie kniffen ihre Schweife ein, leckten sich über die Lippen und hüpften wie

Kaninchen. Die Stuten drängten sich unruhig an das “Alte Mädchen”, als sie

sie ruhig den Hügel hinauf in die Sicherheit unter der Kiefer führte. Und

nun lag sie zwischen ihnen und schaute in die Gesichter derer, die sie

liebte. Ihr Körper war mit den Jahren gebrechlich geworden, aber ihre

goldenen Augen waren voller Hingabe, als sie ihr Geschenk machte —

Aus Liebe. Nur aus Liebe.

(Autor unbekannt)

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