Hin und weg von der Losgelassenheit


Pferd in korrekter „Gebrauchshaltung!“ Der Rücken ist hergeben, das Pferd losgelassen.

Pferd in korrekter „Gebrauchshaltung!“ Der Rücken ist hergeben, das Pferd losgelassen.

Die Demonstration zeigt: Das hat nichts mit LOSGELASSEN zu tun!

Die Demonstration zeigt: Das hat nichts mit LOSGELASSEN zu tun!

Seit neustem ist Losgelassenheit in der Reiterei wieder ein absolutes In-Thema. Alles und jeder muss losgelassen sein. Das Pferd, der Reiter, der Kopf, der Körper,
die Zügel, die Hinterhand. Alles wird losgelassen und wichtige Grundlagen in dem Zusammenhang scheinbar auch weggelassen.

Wenn man sich alle diese aufwendig vermarkteten Erkenntnisse näher betrachtet, sind die a) nichts Neues und b) zeigen sie oft eher den Weg weg von der
Losgelassenheit.

Da wird berichtet, dass der Reiter losgelassen und unverspannt im Pferd sitzen soll, aber es werden mehr und mehr Sättel konzipiert, die die Losgelassenheit des Reiters
unmöglich machen, da sie der Anatomie des Körpers und seiner Funktionsweise entgegenwirken.

Da wird vom losgelassenen Sitz gesprochen, aber Sitzunterricht ist quasi ausgestorben. Jeder arbeitet an seiner Reitmethode, an seinen Lektionen,
gewaltigen Sprunghöhen, endlosen Geländedistanzen, am gebisslosen Reiten, am durchhängenden Zügel etc., aber korrekt sitzen scheint man heute nicht mehr zu
müssen. Ist das nicht immer die Basis allen Reitens gewesen?

Es wird über biomechanische Zusammenhänge bei Pferd und Reiter diskutiert, aber beim Reiten und Ausbilden haben diese Erkenntnisse scheinbar gar keine
Bedeutung mehr?

Es werden immer mehr Reitweisen und Methoden auf den Markt geworfen, die Losgelassenheit beim Pferd überhaupt nicht ermöglichen können. Das reduziert sich
nicht nur auf den Schlaufzügeleinsatz oder die Rollkur, die noch immer von vielen Menschen mit Überzeugung vertreten wird, sondern auch auf die vielen alternativen
Reitweisen, die den Schwung aus der Hinterhand für genauso überflüssig erachten wie die korrekte Verbindung zum Pferdemaul (Anlehnung).
Gerade diese Reitweisen bauen auf keinerlei wissenschaftlich nachweisbaren Grundlagen auf. Es wird von Piaffe und Passage, fliegenden Wechseln und Pirouetten gesprochen, aber es ist keine Basis, geschweige denn die notwendige Muskulatur vorhanden, um diese Lektionen auch nur annähernd korrekt ausführen zu
können, ohne dem Pferd mit der Zeit massiv zu schaden!?

Alles scheint mal eben erlernt werden zu können. Hat nicht Felix Bürkner einmal gesagt: „Ein Leben reicht nicht aus, um Reiten zu lernen!“? Und wurde diese
Aussage nicht über Jahrhunderte bestätigt? Sind wir heute alle so oberschlau und überklug, dass wir so viel mehr wissen, als alle großen Meister der Vergangenheit
zusammen? Ist Reiten eigentlich nicht so komplex, dass Jahre nicht ausreichen, um es wirklich zu verstehen und auch noch umsetzen zu können?!

Die Skala der Ausbildung mit ihren so wichtigen Eckpunkten, die ein Pferd durchlaufen muss, um gesund zu bleiben, wird auf einmal in Frage gestellt!

Jeder hechelt auf seine Weise seinen persönlichen Erfolg hinterher. Ist das noch im Sinne der ethischen Grundsätze und im Sinne der Liebe zum Pferd?
Das gilt nicht nur für den Sport. Es muss alles immer aufwendiger und spektakulärer sein, die Pferde sollen ihre Vorderbeine immer höher reißen und die Hinterhand – die
ja der eigentliche Motor ist – wird scheinbar komplett außer Acht gelassen.

Menschen reiten Lektionen um der Lektionen willen und begreifen scheinbar nicht, dass das Reiten von korrekt ausgeführten Lektionen eigentlich der Gesunderhaltung
des Pferdes dient und nicht ihrem Selbstzweck?!

Und dann sprechen wir von „HIN zu Losgelassenheit“. Vielleicht sollten wir es eher „WEG von der Losgelassenheit!“ nennen! Das beherrschen wir ja scheinbar schon
jetzt fast bis zur Perfektion.

Nimmt man die flapsig aufgeführten Themen – und das sind vermutlich nicht einmal alle, die uns Reiter heute beschäftigen – ist es offensichtlich unverzichtbar, endlich
wieder eine allgemeingültig Lösung für alle Pferde, Rassen und Reitweisen aufzuzeigen.

Dazu ist es notwendig, neben den heute so üblichen Hilfsmitteln, auch die Reitmethoden und Systeme einzelner Privatpersonen zu analysieren und zu prüfen.

Und das immer unter dem Gesichtspunkt:

    Geht das denn so? 

  • Welche Auswirkungen hat das worauf?
  • Was macht das mit mir als Reiter und meinem Pferd?
  • Bleiben wir beide dabei gesund und leistungsbereit?

Wie soll es gehen …?
Losgelassen und unverspannt im Pferd zu sitzen, wenn man mit den neu-modernen Tiefsitzsätteln eigentlich nur noch festgestellt im Becken – weit entfernt von jeder
Elastizität – verkrampft auf dem Pferd hockt. Die dicken Pauschen, die die Oberschenkel in eine scheinbar angenehme Position manövrieren und nichts anderes erreichen,
als dass man sich damit festklemmt ….
Dabei hat es Frau fast noch schwerer als Mann, denn die meisten Frauen haben etwas rundere Oberschenkel, die Beckenstellung ist allein anatomisch betrachtet
schon ganz anders als beim männlichen Geschlecht. Das macht ein losgelassenes Sitzen bei einem Tiefsitzsattel unmöglich.
Im ersten Moment – ist einem die Alternative nicht bekannt – fühlt man sich wohl im Sattel mit dem tiefen Sitz. Man sitzt so sicher hoch zu Ross, weit weg vom Pferd.
Weit weg allerdings nicht nur mit dem Allerwertesten vom Pferderücken, sondern auch mit den Unterschenkeln vom Pferdebauch. Denn die kommen nur bei wenig ausgeprägten Pauschen, einem etwas breiter angelegten Sattelbaum, größeren Sattelkissen mit besserer Auflagefläche auf dem Pferderücken und einem flachen Sitz an den Rumpf des Pferdes, ohne dass sie bei jedem Trabtritt weit vom Pferdekörper abschwingen (müssen)…. Je dichter dabei der Sattelbaum am Pferderücken anliegt, umso feiner und exakter erfolgt die Einwirkung des Reiters auf das Pferd.
Sättel mit wenig ausgeprägten Kniepauschen, die dann noch etwas weiter nach vorne gezogen sind, so dass das Knie sie kaum berührt, die eine flache Sitzfläche
haben, nehmen einem im ersten Moment psychologisch betrachtet die Sicherheit. Denn man hat auf einmal nichts mehr, „woran man sich festhalten könnte“ ….
Physiologisch gesehen allerdings bringen nur sie die Losgelassenheit von der alle sprechen. Losgelassenheit nicht nur für uns Reiter, sondern auch für das Pferd.
Denn ist der Reiter verspannt, verspannt sich das Pferd und umgekehrt.
Ein circulus virtuoses – ein Teufelskreis – also!
Warum tut man das dann? Warum produziert der Markt immer mehr Sättel für
Bewegungsbehinderte? Sind wir das alle mittlerweile schon? Oder liegt es daran, dass wir alle im Zuge unserer reiterlichen Ausbildung nicht mehr lernen, wie man
korrekt und losgelassen im Pferd sitzt?

Der Sitz also auch ein Weg weg von der Losgelassenheit?

Die Demonstration zeigt es: Sitzt der Reiter wie hier verspannt auf dem Pferd, entsteht eine fehlerhafte Anlehnung, der Schwung aus der Hinterhand geht verloren, das Pferd kommt auf die Vorhand, die Nase hinter die Senkrechte.

Die Demonstration zeigt es: Sitzt der Reiter wie hier verspannt auf dem Pferd, entsteht eine fehlerhafte Anlehnung, der Schwung aus der Hinterhand geht verloren, das Pferd kommt auf die Vorhand, die Nase hinter die Senkrechte.

Sitzt man korrekt im Schwerpunkt, kommt die Nase vor die Senkrechten, das Pferd fußt mit dem Hinterbein aktiv ab, der Rücken ist hergegeben.

Sitzt man korrekt im Schwerpunkt, kommt die Nase vor die Senkrechten, das Pferd fußt mit dem Hinterbein aktiv ab, der Rücken ist hergegeben.

Der Sport macht es oft vor! Reiter, die sich im Oberkörper stark nach hinten lehnen, sich mit den Oberschenkeln an den dicken Pauschen festklemmen, mit den Händen
harte und falsch ausgeführte halbe Paraden erteilen, die keine halben Paraden im eigentlichen Sinne mehr sind. Pferde, die dadurch verspannt im Rücken schon fast
panisch die Vorderbeine nach oben reißen. Vorderbeine, die schon an der Ostsee angekommen sind und Hinterbeine, die sich noch in München befinden – und da
vermutlich auch bleiben. Die Verbindung von der Hinterhand über den Rücken zum Pferdemaul ist unterbrochen.
Früher sprach man davon, dass der Reiter im Schwerpunkt im Gleichgewicht sitzen muss. Heute nennt man das neudeutsch Balance. Man konnte eine gedankliche
gerade Linie von den Schultern bis zum Absatz und von den Ellenbogen bis zum Pferdemaul ziehen. Das hat zwar gemäß den Richtlinien für Reiten und Fahren noch
immer Gültigkeit, aber das scheint in der allgemeinen Hektik der schnelllebigen Zeit und der ganzen Balance schon mal unterzugehen. Heute verlaufen diese Linien halt
eben im Zick-zack und keinem fällt das weiter auf.
Auch hier scheint die Verbindung zur richtigen und alten Lehre abgebrochen. Oder ist sie nicht mehr wichtig? Wie lange können unsere guten Pferde das gesundheitlich
durchhalten? Wie lange werden die großen Stars dieser Nation damit überhaupt noch laufen können und im Sport erfolgreich sein? Auch viele Reiter haben schon in
jungen Jahren irreparable Schäden an der Wirbelsäule. Das kommt in den allermeisten Fällen nicht vom Reiten an sich, sondern vom falschen Reiten. Trotzdem misst diesem so elementaren Thema kaum einer mehr Bedeutung bei. Warum nur? Gilt auch hier der Wahlspruch: Nur die harten kommen in den Garten!?

Betrachtet man sich die Zusammenhänge zwischen Sattel und korrektem oder weniger korrektem Sitz, kommt man fast automatisch auf das Thema.

Biomechanik

Beim Pferd ist das hinlänglich und ausgiebig diskutiert, deshalb muss man es hier nicht erneut großartig auffrischen. Nur eines: Der Rücken ist das Bewegungszentrum
des Pferdes. Kann dieser nicht unverspannt arbeiten, dann verkrampft sich das gesamte Pferd.

Auch sind jedem die Auswirkungen der Rollkur, des Schlaufzügels, falsch verstandener Anlehnung, von falscher Lehren und fehl-interpretierten Lektionen
hinlänglich bekannt. Dass diese Dinge auf Reiter und Pferd allerdings gleichermaßen schädlich einwirken, darüber wird scheinbar kaum nachgedacht. Wenn es vielen
Reitern nicht bewusst ist, dass sie sich selbst ruinieren, wenn sie nicht auch an sich und ihrem korrekten Sitz, der feinen Einwirkung, der Schwungentwicklung aus der
Hinterhand, der Geraderichtung, der Losgelassenheit etc. arbeiten, dann sollten sie bitte wenigstens an ihre Pferde denken. Sehr oft täte ein wenig biomechanisches
Basiswissen gut! Denn auch hier heißt es, je mehr man die Zusammenhänge erkennt und versteht, umso leichter kann man es schaffen, dass Reiter und Pferd beim
Trainieren zusammen HIN zur … statt WEG von der Losgelassenheit kommen.
Biomechanik erlernen kann man auch als normaler Reiter problemlos, denn es gibt gute Basisliteratur, die verständlich und nachvollziehbar formuliert ist. Mit den
unterschiedlichen Reitweisen und ihren Auswirkungen auf die Gesundheit des Pferdes wird es dann schon schwerer.
Da sind alle klasse! Jeder hat das Rad neu erfunden. Alles scheint so logisch nachvollziehbar und von den jeweiligen „Fachleuten“ auch mit aller Überzeugung
vertreten. Was soll man da noch machen?
Dann probiert man dieses Neue aus und es verändert sich etwas. Ist das nun gut oder schlecht? Dann steht da einer in der Mitte und sagt einem, wie klasse das alles
ist, was man da so tut und wie gut für das Pferd, dass man es so NICHT MEHR misshandelt, ihm Zufriedenheit und Freude am Leben schenkt. Es wird pausenlos
von Harmonie und Entspannung, von freundlichem „das Pferd bitten“ und Rücksicht auf den Partner Pferd gesprochen und man ist geneigt, den eigenen Erfolg zu sehen.
Oft merkt man erst nach Monaten oder Jahren, dass das, was man da mit Überzeugung selbst vertreten hat, vollkommen in die falsche Richtung gegangen ist.
Obwohl man auch noch viel Geld ausgegeben hat, sind weder die vielzitierte Losgelassenheit erreicht, noch ist dabei ein gesund gebliebenes Pferd heraus
gekommen….
Und dann? Dann beginnt die Suche aufs Neue und man ist überzeugt, nicht mehr auf die blumigen Worte des nächsten „Spezialisten“ hereinzufallen. Dieses Mal wird man
genauer hinschauen, aber zuerst, ja zu erst einmal muss es darum, gehen, sein Pferd wieder irgendwie elastisch und gesund zu machen, soweit das überhaupt noch
geht….

Die Reitweisen

Die Demonstration zeigt es deutlich: Durchhängende Zügel machen mit der Zeit krank. Der Hengst hier auf dem Foto muss den Rücken absinken lassen und kommt zwangsläufig auf die Vorhand. Der „Hügel“ auf der Kruppe (Höhe Darmbein) zeigt dies genauso deutlich wie die „Mulde“ direkt hinter dem Sattel.

Die Demonstration zeigt es deutlich: Durchhängende Zügel machen mit der Zeit krank. Der Hengst hier auf dem Foto muss den Rücken absinken lassen und kommt zwangsläufig auf die Vorhand. Der „Hügel“ auf der Kruppe (Höhe Darmbein) zeigt dies genauso deutlich wie die „Mulde“ direkt hinter dem Sattel.

Was es da alles gibt: Vom Horsemanship, über das gebisslose Reiten, der Légèreté, der Barockreiterei, dem Distanzreiten, Rennreiten, Reiten mit Halsring, dem Reiten
nach den überlieferten Grundsätzen der Ausbildung, nämlich unserer Skala der Ausbildung und endlos vieles mehr. Vermutlich ist diese Aufzählung nicht einmal halbwegs vollständig.
Und alle: Alle erheben Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Nur was ist richtig?

Eigentlich müsste man jetzt alle Reitweisen im Einzelnen genau analysieren, aber das würde dann sicherlich zu meinem nächsten Buch führen, da man darüber
vermutlich hunderte von Seiten schreiben kann. Versuchen wir also, die unterschiedlichen Reitweisen aufgrund von Schwerpunkten in Gruppen zusammen
zu fassen.

Reitweisen, die eine Verbindung zwischen Reiter und Pferdemaul in Form einer Anlehnung ablehnen, führen mittelfristig zu gesundheitlichen Problemen beim
Pferd.
Denn fehlt diese Verbindung zum Pferdemaul, dann kann das Pferd nicht mehr von hinten nach vorne durch den Körper schwingen. Man muss also eine
korrekte Anlehnung erhalten, feine halbe Paraden geben können, damit die Verbindung Hinterhand – Pferdemaul erhalten bleibt. Das wird schwierig beim Reiten
ohne Gebiss, wenn die Zügel durchhängen und das Pferd dadurch nicht mehr an die Hand herantreten kann. Denn das Hinterbein kann nur aktiv bleiben, wenn die
Verbindung zum Pferdemaul gegeben ist. Auch der Schwung entwickelt sich beispielsweise nur auf diese Weise.

Alle Reitweisen, bei der die Schwungentwicklung aus der Hinterhand vernachlässigt wird. Man muss sich das Pferd als Fahrzeug mit Heckenantrieb
vorstellen.
Das heißt im übertragenen Sinne: Zulegen und Einfangen, Tempounterschiede sollten in der Arbeit mit dem Pferd zu den Grundlagen gehören.
Der Mittel- oder starke Galopp auch mal im leichten Sitz, ist genauso wichtig wie der Mittel-, starke oder auch versammelte Trab. Um aber den Schwung aus der
Hinterhand entwickeln zu können und um dafür sorgen zu können, dass sich die notwenigen Muskeln korrekt entwickeln, braucht man eben wieder die vorgenannte
Verbindung zum Pferdemaul, die Anlehnung. Darüber hinaus muss das Pferd die einzelnen Stufen der Skala der Ausbildung durchlaufen. Denn ohne sie gibt es
keinen Schwung im gesunderhaltenden Sinne und auch keine Versammlung im gesunderhaltenden Sinne.

Reitweisen, bei denen der Rücken als Bewegungszentrum nicht im Mittelpunkt steht. Das heißt für uns unter anderem: Zügel aus der Hand kauen lassen mit einem aktiv abfußenden und unter den Schwerpunkt tretenden Hinterbein muss eines der Grundanliegen sein, die Reiter und Pferd zu erlernen haben. Sind diese Ziele nicht gegeben, dann kommt es mit der Zeit zu gesundheitlichen Problemen. Zügel aus der Hand kauen bedeutet dann aber auch: Das Pferd darf dabei nicht auf die Vorhand kommen! Der Rücken muss schwingen, die korrekte Verbindung zum Pferdemaul muss gegeben sein.

Reitweisen, die nicht systematisch das Durchlaufen der Skala der Ausbildung zu ihrer Grundlage machen, bedeuten immer Schädigungen des Pferdes. Takt, Anlehnung, Losgelassenheit, Geraderichten, Schwungentwicklung und Versammlung müssen auf allen Ausbildungsebenen immer erreicht werden. Piaffe und Passagen
können nur dann korrekt erlernt und ausgeführt werden, wenn beispielsweise die Geraderichtung und die Losgelassenheit vorhanden sind. Fliegende Wechsel und
Traversalen setzen nicht nur Geraderichtung und Schwungentwicklung voraus, auch der reine Takt muss erhalten bleiben, will man diese so reiten, dass das Pferd dabei
gesund bleibt. Steile Traversalen bedeuten beispielsweise durch ihre Seitwärtsverschiebung eine hohe Belastung auf Gelenke, Sehnen und Bänder. Ist
das Pferd nicht elastisch und korrekt gymnastiziert, führt das zu frühzeitigem Verschleiß.

Reitweisen, die durch Rollkurmethoden und Schlaufzügeleinsatz dem Pferd die Nase vor die Brust ziehen, sind nicht nur tierschutzrechtlich relevant, sondern auch hochgradig gesundheitsschädlich. Demgegenüber wird das Pferd, das auseinander gefallen auf der Vorhand läuft, den Hals wie eine Giraffe nach vorne streckt und dabei dem Reiter phasenweise in die Hand stößt, da der Schwung aus der Hinterhand fehlt, mit der Zeit ebenso Schäden erleiden. Vielleicht ist es dann entspannter platt, um es einmal salopp zu formulieren. Gesund bleibt es mit dieser Methode aber auf keinen Fall.

Bei Reitweisen, bei denen die Pferde mit der Nase hauptsächlich hinter der Senkrechten geritten werden, führen zu immer mehr Verspannungen und mit der Zeit in der Mehrzahl der Fälle zu irreparablen gesundheitlichen Schäden. Wenn das Pferd dann einmal „in die Tiefe darf“, dann verbleibt die Nase bei fast
durchhängendem Zügel weit hinter der Senkrechten. Auch diese falsch verstandene Losgelassenheit führt zu mehr Verkrampfungen als zu Losgelassenheit.

Reitweisen, die auf spektakuläre Bewegungen abzielen oder Reitweisen, die sich mehr auf das Reiten auf der Stelle oder auf das sogenannte
Rückwärtsreiten beziehen
, sind ebenfalls gesundheitsschädlich. Das Pferd kann auch das allein aufgrund der biomechanischen Gegebenheiten seines Körpers nicht lange durchhalten.

Reitweisen bei denen es nur um den persönlichen Erfolg geht: Sei es nun das Lektionentraining ausschließlich für Prüfungen, bei denen dann nur geübt wird, was geprüft wird, sind genauso ungesund, wie Lektionen zu reiten, die dem Pferd in einem Stadium eingetrichtert werden, in dem die notwendigen Grundlagen nicht
gegeben sind oder bei weitem noch nicht gefestigt. Bei diesen „Grundlagen“ kommen wir wieder zur Skala der Ausbildung, dem Zügel aus der Hand kauen lassen, dem
systematischen Muskelaufbau.

Wenn sich alle sogenannten Reitmeister dieser Welt an diese grundlegende Dinge halten würden, vielleicht etwas weniger sich selbst und ihre Genialität verkaufen
würden, wenn das Pferd vielleicht wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt würde, ohne dabei der Selbstüberschätzung Einzelner im Wege zu stehen, dann könnten wir
sie wieder erreichen die wahre Losgelassenheit. Die Pferde würden es uns sich danken!

Aufwendige Bewegungen - wie hier demonstriert – sind dann gesundheitsschädlich, wenn sich das Pferd z.B. dauerhaft im Genick verwirft oder die Nase permanent hinter der Senkrechten verschwindet…

Aufwendige Bewegungen - wie hier demonstriert – sind dann gesundheitsschädlich, wenn sich das Pferd z.B. dauerhaft im Genick verwirft oder die Nase permanent hinter der Senkrechten verschwindet…

Wie sagt Paul Stecken immer: Pferde gehen so gerne richtig! Dann lassen wir sie doch endlich wieder!

Gastartikel von
Anne Schmatelka
www.reitertipps24.com

 

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Kommentar

Emma Bölling | am 20. Oktober 2011 um 12:41 Uhr

Was für ein schöner, gut recherchierter und fundierter Artikel über ein Thema, das aktueller ist denn je! Die gut zu lesende Art und Weise zu schreiben machen das Ganze noch anschaulicher und klarer! Die Bilder sprechen für sich! Wohl wahr, die gute Sitzschulung, wie sie noch vor 20 Jahren gelehrt wurde, ist fast gänzlich verschwunden! Die neuen Sättel sind wenig produktiv und die alternativen Reitweisen ebenso! Ich kann dem nur zu 100 % zustimmen!!!
Hoffentlich hören wir mehr von der Autorin!
Danke!

Lilith | am 15. November 2011 um 00:56 Uhr

Ich war richtig erfreut diesen Artikel zu lesen. Der Schreibstil gefällt mir sehr gut und Probleme in der heutigen Reitweise werden offen angesprochen und sogar noch konkretisiert.
Im Allgemeinen stimme ich der Autorin, Anne Schmatelka, zu, allerdings gibt es einige Punkte, in denen ich doch anderer Meinung bin. Beispielsweise schreibt Anne, dass man beim gebisslosen Reiten keine vernünftige Verbing zum Pferdemaul aufbauen kann und somit weder Schwung noch ein aktiv untertredendes Hinterbein bekommen kann: “Man muss also eine korrekte Anlehnung erhalten, feine halbe Paraden geben können, damit die Verbindung Hinterhand – Pferdemaul erhalten bleibt. Das wird schwierig beim Reiten ohne Gebiss, wenn die Zügel durchhängen und das Pferd dadurch nicht mehr an die Hand herantreten kann. Denn das Hinterbein kann nur aktiv bleiben, wenn die Verbindung zum Pferdemaul gegeben ist. Auch der Schwung entwickelt sich beispielsweise nur auf diese Weise.”
Seit einigen Monaten arbeite ich mit Pferden, die gebisslos trainiert werden (vom Boden aus und beim Reiten) und ich muss sagen, dass ich in meiner Arbeit kienerlei Probleme habe um die Hinterbeine zu aktivieren, den nötigen Schwung (Schubkraft aus der Hinterhand) zu bekommen und es auch an feinster (!) Anlehnung mit dem Pferdemaul nicht fehlt.
Auf meinem Blog habe ich dazu auch einige Fotos veröffentlicht.
Alles in allem, finde ich den Artikel aber sehr gelungen und ich hoffe er öffnet einigen Reitern/Trainern die Augen und hilft dann so im Endeffekt auch den Pferden. =)


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